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Senner/in auf Zeit: Anleitung zum Alpausstieg (1)

kaesen_kl BildWer zum ersten Mal auf die Alp will, muss sich sputen. Bevor wir in dieser neuen MONTE-Serie für Alp-Neulinge das Wie und Wo klären, stellt sich die Frage: Warum

Einen Sommer auf der Alp zu verbringen, ist vor allem für Leute aus der Stadt und anderen kuhstallfernen Räumen verlockend. Bilder von saftigen Weiden mit friedlich grasenden Kühen vor schroffen Felswänden erscheinen im inneren Auge. Man sieht sich grashalmkauend in einer imposanten Berglandschaft liegen und die frische Höhenluft einsaugen. Endlich Freiheit – Ihre Alp!

Einmal auf der Alp angekommen, ist alles etwas anders. Wer keine landwirtschaftliche Jugend genossen hat, wird überrascht sein, wieviele Poren man mit Schweiß füllen kann. Besonders auf den Kuhalpen sind die Tage lang und die Nächte kaum bemerkbar. Dem Büro und der Studentbude entronnen, wird der vermeintlich bewusstseinserweiternde Höhenkoller mittels Salben und Verbänden behandelt: Blasen an den Füssen, Sehnenscheidenentzündungen an Unterarmen, den Kater in den Muskeln und ständig auf der Suche nach Schlaf. Nicht einmal Ruhe ist hier oben: Es rasseln die Ketten, es scheppern die Chromstahlgefässe, es surrt das Rührwerk, es motort der Generator, es knattert die Dampfanlage. Formulare bis ans Ende des Kopfes müssen ausgefüllt werden: Milchmessen, Qualitätskontrolle, Weideführung, Medikamenteneinsatz, Eutergesundheit mit Zellzahlbestimmung. Am Abend klingeln die Handys und klackern die Laptops. 2000 Meter sind nicht genug, um von der Welt Abschied zu nehmen.

Bevor man loszieht Man ist noch zu Hause und noch breschen keine Rinder durch den Zaun. Also tut es gut sich in einer ruhigen Minute zu fragen, was man auszuhalten imstande ist und wieviel man davon Gebrauch machen will. Wer die Einsamkeit liebt, soll diese Liebe zusammen mit Schafen, Rindern und Mutterkühen ausleben. Wer gesellig ist, soll sich einem Alpteam auf einer grösseren Kuhalp anschliessen. Wer gerne Geschirr spült und Lust hat auf zwei Stunden Keller, zwei Stunden Stall und drei Stunden Sennerei pro Tag, ist mit einer Kuhalp gut beraten. Dort kann man zudem das Käsen lernen und tonnenweise köstlichen Alpkäse produzieren.

spaet_auf_der_alp_kl BildDas Produzieren ist der fundamentale Unterschied zur reinen Hütealp. Dort wetzt man kilometerweise seinen Schützlingen nach, sucht nach verschollenen oder kranken Tieren, betet für saftigen Weidewuchs, buckelt Zaunpfosten, verdreht sein Handgelenk beim Isolatorenschrauben, flucht seinen Hund an und dies alles bei Hagel, Blitz und Sonnenbrand. Des Abends schlüpft man müde unter die Decke und ist soweit wie am Morgen zuvor. Für viele ist das langweilig, für manche ist das Berufung.

Tonnen für die Seele Wer über einen Stierennacken verfügt und darüber noch einen Dickschädel hat, wird sich durch obige Ausführungen nicht davon abbringen lassen, Richtung Alp zu stolpern. Gut so, er soll zuletzt noch seine seelischen Belastbarkeit pürfen. Er soll sich fragen: Bin ich bereit die Verantwortung für 100 oder mehr Rinder zu übernehmen? Renne ich nach Hause, wenn eines davon über die Felswand springt? Wie reagiere ich beim Anblick einer gesamten Produktion geblähten Käses, den man nur noch den Schweinen hinrollen kann? Halte ich meine zwei Teamkollegen aus, von denen der eine immer diesen schrecklich dünnen Kaffee kocht und der andere seine Schweißsocken auf dem Esstisch liegen lässt? Mit denen ich meine Arbeit, meine Freizeit, mein seltener Schlafplatz, die Zigaretten und auch noch den Lohn teilen muss? Was sage ich dem einen, wenn er antibiotikahaltige Milch in die Wanne melkt und somit tausend Liter Milch futsch sind? Was sage ich zu mir, wenn ich es selber war? Habe ich genügend Pflichtbewusstsein bis Alpende auszuharren, auch wenn ich eingestehen muss, die Alp wird nie mein Zuhause?

Werden all dies Fragen postiv beantwortet oder ignoriert, kann es losgehen. (siehe Teil 2) _ Text und Fotos: Giorgio Hösli

1 Antwort
  1. Gottfried Neudecker
    Gottfried Neudecker says:

    Meine Gattin und ich, ´60 und 63 Jahre jung, körperlich und seelich sehr gut in Schuß möchten eine Saison auf einer Alm – Alpe – aktiv tätig sein. Wir sind beide sehr naturverbunden, wobei ich, Fritz im Nationalpark Kalkalpen als Ranger aktiv bin und Schi- und Wandergruppen leite.

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