euter Bild

Senner auf Zeit: Anleitung zum Alpausstieg (2)

euter BildAuf die Alp gehen ist nicht ungefährlich. Wer nachfolgende Bedingungen erfüllt, kann sich auf den Weg machen.

Zwei blanke Lederschuhe, eine Melkerkutte mit Edelweissstreifen, den Fotoapparat für die täglichen Sonnenuntergänge und eine gehörige Zuversicht – das sollte eigentlich an Vorbereitungen für die Alpzeit genügen. Doch Achtung: Wer so rosa denkt, kann noch seine Portion Blauäugigkeit dazurechnen.

Der Mutterkuhtest
Zu oft habe ich erlebt, dass angehende Älplerinnen und Älpler Angst vor Kühen oder Ziegen haben, und dies beim Anstellungsgespräch prompt unterschlagen. Zum Selbsttest der eigenen Unerschrockenheit setze man also zum Gang durch eine Mutterkuhherde an, trotz Warnung der Beratungsstelle Unfallverhütung in der Landwirtschaft. Allerdings bringt Mut allein nur blaue Flecken. Wer schlau ist, hockt sich eine halbe Stunde ins Gras und beobachtet wie die Mütter ihre Kälber hüten. Vieles wird ihn an den Kindergarten erinnern, wo die Eltern einkaufen gehen, während die Lehrerin nach den Kindern schaut. Die eine Mutterkuh wacht also über die versammelte Jungschar, während die anderen Mütter ihre Bäuche mit Grünzeugs füllen, um nachher weiße Milch zu machen – ein Hauch von Alchemie.
Auf der Alp ist eine gute Beobachtungsgabe gold wert und manchmal überlebensnotwendig zum Wohl der Tiere. Wer von seiner Beobachtung her weiss, welches Tier in welcher Hanglage noch trittsicher ist, und wann eine Krankheit lebensgefährlich wird, hat Chancen, gleichviel Vieh nach Hause zu bringen, wie ihm in Obhut gegeben wurde.

Kuh BildKuheuter sind sensibel
Auf einer Kuhalp wird gemolken, meistens zwar mit der Maschine, aber auch diese Arbeit will geübt sein. Wer rätselt wieviele Zitzen eine Kuh haben sollte, begibt sich im Winter auf die Suche nach einem Bauernhof, wo er das Melken lernen darf, am besten von Hand und mit der Maschine. Beim Handmelken erlangt man ein Gespür für die gesunde Kuhbrust und wird mit der neuen Partnerin vertraut. Es bleibt Zeit für Muse, da man nicht Schläuche entnesteln muss.

Die Handhabung der Melkmaschine ist Voraussetzung für einen erfolgreichen Start auf der Alp. Es bleibt Anfangs Sommer noch genug zu lernen, aber keine Zeit für Experimente am Euter. Nicht jede Kuh mag über einen unbeholfenen Melker gutmütig lächeln und ihre Beinarbeit nimmt es mit jedem Boxer und einigen Fussballern auf.

Rohe Milch
Im ersten Jahr die Verantwortung für den Käse zu übernehmen ist vermessen, denn „Käsen lernt man nicht aus Büchern“ und ebensowenig in einem dreiwöchigen Kurs. Ein Jahr als Zusenn oder Zusennin ist Pflicht. Es wird zwar versucht mit neuen Sennereieinrichtungen und potenten Käsekulturen die Produktion und Reifung von Alpkäse optimierter zu steuern, sodass auch unerfahrenes Personal einen Käse hinkriegt – ein Käse, der schlussendlich nicht nach Handwerk schmeckt und daher auch nicht nach Alpkäse. Alpkäse wird aus unpasteurisierter Rohmilch gezaubert, was einen verantwortungsvollen Umgang mit den all lebendigen Inhaltsstoffen erfordert. In Amerika jagt diese Lebendigkeit den Hygienikern Angst und Schrecken ein, hierzulande weiss man dieses Naturpodukt aus dem Alpenkräutergarten vorläufig noch zu schätzen. _ Text und Fotos: Giorgio Hösli