Pferdchen, lauf Galopp!

2012-06-07 09.44.39 Die Hufe klappern rhythmisch, das Geschirr der Pferde rappelt, die Berggipfel und duftenden Blumenwiesen ziehen gemächlich vorbei – alles ist klar und deutlich zu erkennen und doch kommt man rasch voran. Eine Weile verstummen die Gespräche, jeder scheint in seine Gedanken versunken. Während die Pferde locker ihrem Ziel entgegen traben, macht sich eine angenehme Trägheit breit.

Eineinhalb Tage sind wir jetzt unterwegs mit dem Pferdefuhrwerk. Ein selbst gebautes Gefährt, das Kaspar Hirtreiter aus einem alten Heuwagen gezimmert hat. Der von den Kaltblütlern Verona und Parys gezogene Wagen mutet ein bisschen wie ein überdimensionaler Sargtransport an mit dem langgestreckten Aufbau auf der Ladefläche. Und so kann sich so mancher erstaunter Passant einen entsprechenden Kommentar auch nicht verkneifen.

2012-06-08 10.52.49Was ist das, mit dem Pferdefuhrwerk durch die Alpen? Ist es Reiten? Ist es Wandern? Denn Wandern ist für meine große Tochter nicht mehr so wirklich das, womit ich sie locken kann. Aber Pferde? Beide Töchter sind zwar keine Pferdenarren, aber sie lieben Tiere, sie lieben die Natur und sie lieben das Abenteuer. Also lassen wir uns ein auf das Abenteuer: mit dem Pferdefuhrwerk durch die Alpen.

Kaspar Hirtreiter ist Pferdenarr. Er liebt seine sieben Rösser, die er mit seiner Frau neben der Landwirtschaft und dem über Generationen bestehenden Hof und Frühstückspension „Beim Sonnenstatter“ hält. Mit ihnen wollte er schon immer eine längere Tour gehen, wohl wissend, dass es für ihn als Pferdeführer kein Spaziergang sein wird, sondern harte Arbeit. Anders als die Kutschfahrten für Verliebte, Verlobte und Brautpaare. Der Weg muss passen für Ross und Wanderer, er muss abwechslungsreich sein für beide und auch schöne lange Passagen haben, bei denen alle auf dem Wagen aufsitzen und von den Pferden im ruhigen Trab vorangebracht werden.

Lange hat er getüftelt für die Route, die wir jetzt gehen. Von seiner Pension am Schliersee geht es am See entlang, das Josefstal hinein zum Spitzingsee hinauf. Hier trennen sich zum ersten Mal Wandersleut und Wagen. Eine lange Trabstrecke bringt uns anschließend im Valepper Tal neben der Roten Valep flott voran – bis wir mittags auf der Waitzinge Alm rasten. Die Wirtsleut haben als Brotzeit leckere Köstlichkeiten von ihrem Biohof mitgebracht, die wir nun dankbar und hungrig verspeisen.

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Die Gruppe ist illuster: zwei Chilenen, ein Schlierseer, der vor etlichen Jahren nach Chile ausgewandert ist, einige Einheimische und ich mit meinen zwei Kindern aus München. Angeführt werden wir von Kaspar Hirtreiter und seiner Frau Resi, angespannt vor das Fuhrwerk sind die beiden Kaltblütler Verona und Parys. Die Route führt vom Hof Sonnenstatter der Familie Hirtreiter am Schliersee vorbei Richtung Spitzingssee über das Josefstal und das Valepper Tal Richtung Erzherzog Johannklause – und zurück. Dort werden wir übernachten und am nächsten Tag über den Elendsattel und Bayerischzell wieder zurückkehren.

2012-06-08 13.32.01Wer es sich gemächlich vorstellt, mit Pferden mitzulaufen, wird schnell eines besseren belehrt. Gut eineinhalb Mal so schnell wie der Mensch trotten die Pferde in normalem Tempo dahin. Da kommt der Kreislauf in Schwung – für Menschen, die gerne Fat-Burner machen, optimal. Aber das ist ja nicht unser Zweck, auch wenn wir uns manchmal an den Stricken, die an dem Fuhrwerk hängen, die steilen Passagen hinaufziehen lassen. Bei langen, flachen Stücken sitzen wir alle auf und Kaspar gibt den Pferden das Zeichen, flott loszutraben. Und wir genießen das Klappern der Hufe, den Fahrtwind und das Tempo, bei dem man vorankommt und doch ganz nah an der Natur ist.

Und die Kinder? Sie haben einen Riesenspaß dabei. Die Pferde spornen sie an. Bei den Pausen gibt es immer etwas zu tun – und sei es, den Tieren frisches Gras zuzustecken, sie zu streicheln oder mit ihnen ein heimliches Zwiegespräch zu führen. Wir Erwachsene ertappen uns dabei, wie wir sehr persönliche Gespräche mit Menschen führen, die wir gerade erst kennengelernt haben. Als würde die Anwesenheit der Pferde die Barriere in den Köpfen niederreißen. Und das ist ein richtig befreiendes Gefühl.

Nächste Pferdewandertouren:
30./31. Mai sowie 28./29. September 2013
Kosten: 70 Euro/Erwachsener; 50 Euro/Kind
inkl. Getränke und Brotzeit
exkl. Übernachtung und Essen in der Erzherzog Johann-Klause
Infos unter: www.kutsch-und-wanderfahrten.de

Die Pferdewandertouren werden unterstützt von der Pferderegion Oberbayern–Tirol e.V. Weitere Informationen unter www.pferdegenuss-grenzenlos.de/.