Geht’s noch? Skifahren im ewigen Eis

Café Pitzaler GletscherDie einen wollen die Gletscher schützen, die anderen im ewigen Eis ihre Schwünge ziehen. Es dauert noch mindestens sechs Wochen, bis in den unteren Skigebieten die Schneekanonen angeworfen werden. Auf Gletschern jedoch geht Skifahren von September bis Mai. Wenn anderswo noch Oktoberfest ist oder schon Muttertag. MONTE-Autorin Karin Lochner hat sich das gar nicht so eisige Spektakel angesehen, Bettine Theisinger hat es fotografiert.

Im Herbst oder Frühling auf einem Gletscher Ski zu fahren, statt auf dem Winter zu warten, ist berauschend und ein wenig wie Erdbeeren im Januar oder Flugreisen in die Karibik. Unzweifelhaft schlecht für die Ökobilanz, aber – mal ehrlich – manchmal überfällt einen die unbändige Lust darauf.

Cafè Pitztal Gletscher mit LeutenTrotz des Klimawandels ist Skifahren auf Gletschern möglich. Wie kann das sein, wo die Alpengletscher doch wie die Polkappen schmelzen? Sind Freizeitsportler am Gletscher nicht völlig neben der Spur? Nein, sagen die, die den Winter nicht erwarten können. Und die Natur wird dabei pfleglich behandelt. Der Schnee wird in einem schwarzen Kessel unter enormen Druck hergestellt („Snowmaker“) und auf ein Förderband gehievt. Eine satte Schicht davon wird als Schutz auf den Gletscher verteilt wie die Sahneschicht auf einer Torte. Denn Schneekanonen funktionieren nicht, wenn es oft über Null Grad hat. Daher diese ultramoderne Herstellung von Kunstschnee, die aus Israel kommt, eigentlich zur Kühlung für Minenbohrungen erfunden wurde und in Europa sonst nur noch in Zermatt angewandt wird. Auch dort, um das ewige Eis zu schützen, weil – wie auf dem Pitztaler Gletscher – der Skibetrieb bis in den Mai hinein geht.

Pitztaler GondelnHundertschaften gut ausgerüsteter Skifahrer katapultiert der Gletscherexpress, eine Art steile U-Bahn, in wenigen Minuten auf 2.840 m. Fast so hoch wie die Zugspitze. Doch Deutschlands höchster Berg erscheint hier belanglos. Zum Greifen nahe steht die Wildspitze (3.774 m) in ihrer ganzen Pracht. Auf der Sonnenterrasse chillt das Partyvolk derweil in T-Shirts, räkelt sich in Liegestühlen, frischt den Sun-Blocker auf oder holt sich Almdudler von der Schneebar. Aus Riesenboxen klingt ein lupenreines „Haus am Meer“ ins Alpenpanorama. Der Himmel ist so blau, als würden sich Atlantik und Pazifik treffen. Die Männer gehen schaukelnd wie Matrosen in ihren Skischuhen zum Weißbierstand. Auf dem ewigen Eis ist Partyzone mit Show Area und DJ. Viele muskulöse Unterarme sind zu sehen, oft tätowiert. Tirols höchster Barbecue hüllt alle in eine Schwade Röstbratwürstel ein und man bekommt sofort Hunger, auch als Vegetarier oder wenn man noch keinen Meter Ski gefahren ist. Wegen der dünnen Luft oder der vielen Apetizer?

Der Pitztaler Gletscher ist wie ein Füllhorn: Freeriden, Alpinabfahrten, Eisklettern. Heute ist Materialtesten möglich, erfahre ich. Es ist „Gletscherfest“, der Promotion-Tag für die Zulieferfirmen der Pisten. Einen besseren Ort, um den technischen Fortschritt am eigenem Leib zu versuchen, gibt es nicht. Der DJ spielt „Schifoahn“ von Wolfgang Ambross, die Gäste singen mit, kaufen einen Skipass und holen sich Snowboards, Ski, Touren- und Freerideski, Helmkameras. Es ist als würde der Wirt im Festzelt rufen: „Freibier für alle“.

Pitztaler GletscherzungeHöhepunkt ist Österreichs höchstes Café auf dem Gipfel des Pitztaler Gletschers. Auf 3.440 Metern thront es wie die Kronjuwelen auf einem Samtkissen. 20 Millionen soll es gekostet haben, sagt der Schweizer Skilehrer, der schon fünf Paar Skier ausprobierte. Sein bayerischer Kollege – er testet gerade ein zweites Weißbier auf 3440 Metern über dem Meeresspiegel – stimmt zu: Allein 12 Millionen für die Transportkosten mit dem Hubschrauber. Die Sonne brennt auf die gigantische Glasfront. Draußen spielt der DJ Bob Marleys Klassiker „No woman, no Cry.“. Und er hat recht:  Von Tränen keine Spur. Alle anwesenden Frauen seufzen lächelnd. Denn serviert wird nun Melange und Sacher Torte, perfekt zubereitet. Gebacken wird im Tal, denn hier oben geht kein Rührteig auf. Einzig die freischwebende Sonnenterrasse hängt wie eine Schneewehe über dem Abgrund und trotzt der Schwerkraft.

Die neue Wildspitzbahn, die höchste Seilbahn Österreichs, fährt Besucher, ob mit oder ohne Ski, in hochmodernen Achterkabinen bequem ins Café. Im Pitztal gibt es 37 Gletscherpistenkilometer und sieben Liftanlagen mit einer beachtlichen Höhendifferenz von 1.740 bis 3.440 Metern.
www.pitztal.com
www.pitztaler-gletscher.at
Nächster Termin Gletscherfest: 18.10.2014
Skibetrieb: Mitte September bis Mitte Mai

Die Autorin Karin Lochner war 25 Jahre lang nicht mehr auf Skiern gestanden, und erlebte ihre Pisten-Wiedergeburt „kinderleicht wie das Fahrrad fahren, das man auch nie verlernt“. Die Fotografin Bettina Thesinger raste schon als Kind im Familien-Skiurlaub ihren großen Geschwistern hinterher und „kommt jeden Berg hinunter.“

Unser Tipp: Halbpension im JERZNER HOF – Familie Eiter
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